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Meine Hochachtung vor Manfred Spitzer

Prof. Spitzer hat ein neues Buch auf den Markt gebracht mit dem klingenden Namen „Digitale Demenz“ und ja klar hab ich es gelesen (also wirklich richtig, nicht nur irgendwelche Zusammenfassungen, Stellungnahmen oder Kommentare). Das Fazit für mich ist eher ernüchternd einseitig und popularwissenschaftlich, daher sah ich nicht unbedingt Anlass darüber zu bloggen.
Warum ich es nun aber doch tue, hat einen ganz anderen Grund – das Buch ist in der Kategorie Sachbuch mittlerweile Beststeller und hat im Netz eine Aufmerksamkeit erreicht die ich so noch nie erlebt habe. Sämtliche Personen die es in irgendeinerweise betrifft oder berührt fangen an zu erklären, dass Regeln des wissenschaftlichen Ethos gebrochen wurden und vieles nicht stimmt wie es dargelegt wurde. Für mich aber, zeigt Prof. Spitzer (vielleicht auch unbewusst) wie man virales Marketing in den Sozialen Netzwerken betreiben kann – man formuliere klare Aussagen die provozieren (also man ist als LeserIn entweder dafür oder dagegegen) UND die Aussagen sollen diejenigen die das Web nutzen direkt treffen 🙂 . Das Ergebnis kann man beobachten und ich zieh davor ehrlich den Hut.
Und uns muss auch allen bewusst sein, dass man mit keinem Buch welches das Thema „Neue Medien“ wissenschaftlich nüchtern analysiert und abgewägt diese Aufmerksamkeit und Reichweite erreicht hätte. Auch positive Nachrichten hätten sich kaum so gut verkauft oder hätte ein Bericht über den Erfolg der Neuen Medien uns alle auf den Plan gerufen? Im Vergleich dazu bleiben auch Innovationen (wie z.B. das persönliche L3T-Buch) nicht nur bescheiden, die werden schlicht gar nicht wirklich wahr genommen.
Nun gut so soll es sein, ich nehme dies als Lernbeispiel für mich selbst und ich bedanke mich abschließend noch bei Prof. Spitzer – er hat unser Forschungsgebiet immerhin unglaublich in die Medien gebracht, das kann nur gut sein.

20 Comments

  1. Joachim Wedekind sagt:

    lieber Martin, ich kann hier nicht sehen, dass auch schlechte Nachrichten positiv für unser Gebiet sein sollen. Spitzer hat ( in einer Talkshow, ob das so im Buch steht, weiss ich nicht) es als Verbrechen bezeichnet, Computer und Internet in die Schule zu bringen. Also sind die Verursacher (dazu müssen wir uns ja wohl zählen) in seiner Sicht Verbrecher. Und da soll man alles unwidersprochen von ihm hinnehmen? Sehe ich nicht so.
    Gruß, Joachim

  2. Martin sagt:

    also ich habe die Talkshow nicht gesehen, würde aber davon ausgehen, dass man auch uns als Gegenseite dazu einlädt und damit sind wir mehr oder weniger auch dabei … das gleich gilt für die Presse die brauchen ja den Diskurs und das ist nachwievor für mich positiv …

  3. Michael Kopp sagt:

    Ich bin ja grundsätzlich ein Befürworter von (gegebenenfalls auch wissenschaftlich grenzwärtigen) Marketingmaßnahmen. Aber bei dem Spitzer-Buch stellen sich bei mir Zweifel ein. Ich befürchte nämlich, dass es hier gar nicht um „Neue Medien“ (so wie wir den Begriff wohl verstehen), sondern vielmehr eben um digitale Medien (inkl. Fernsehen, Videospiele, Kino, etc. und damit wohl eher nicht unser Forschungsgebiet) geht. Aufgrund dieser mangelnden Differenzieren (für Spitzer ist das Internet = Ballerspiele = Facebook = böse) erweist er der E-Learning-Szene m.M. eher einen Bärendienst. Und zwar deshalb, weil er hier (eben in Form einer populärwissenschaftlichen Publikation) (nur sehr eingeschränkt berechtigte) Ängste bei einem breiten Publikum schürt ohne Lösungen oder Alternativen anzubieten. Aber natürlich hast du schon recht: Hut ab vor den Verkaufszahlen!

  4. Joachim Wedekind sagt:

    nee, da war nur Spitzer und dem wurde nicht widersprochen (siehe meinen Kommentar https://konzeptblog.joachim-wedekind.de/?p=674, und sehe gerade, die Aufzeichnung ist noch online: https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndr_talk_show/videos/ndrtalkshow1481.html)

    von wegen Diskurs; siehe auch „der Spitzer geht um“: https://www.mediaculture-online.de/blog/?p=13969

  5. Das kennt man vom Spitzer ja schon sehr lange, zuerst wars das Fernsehen und jetzt die digitalen Medien. Alles eher ein wenig undifferenziert und global verurteilend, alles weltuntergangsstimmig und immer in schön populistischen Extremen. Klar, wenn jemand 8h am Tag vor dem PC oder TV hängt, dann versteh ich viel. Und ja, er ist zweifellos ein Marketing-Genie, das war er immer schon.

    Trotzdem glaub ich, ist das Thema schon ein interessantes und wir müssen uns natürlich auch damit beschäftigen. Wir brauchen gute pädagogische Forschung: Szenarien? Worauf gilt es aufzupassen? Was zeigen neue Forschungen im Bereich Gehirnforschung wirklich? Welche Settings sind gesund, welche nicht? Was ist für wen der einfachere Lernweg? …

    Kennt ihr von der Seite der Gehirnforschung andere Meinungen?

  6. Anja Lorenz sagt:

    Bewundernswert? … hätte ich es vielleicht gefunden, wenn er ein Nischenthema tatsächlich aus dem Schatten ins Licht geholt hätte. Die Strategie scheint auch denkbar einfach: Gegen ein Thema sein, dass viele Anhänger hat, die sich zumindest mithilfe Social Media drüber auslassen. Ich denke sogar fast die Medienauftritte sind nur Beiwerk. Aber man könnte genausogut ein populäwissenschaftliches Buch über die Vorteile herrschaftlicher und intransparenter Politik schreiben und dass die Piraten die Wurzel allen Übels sind, und schon machen sich eben die zur PR-Abteilung. Ich mag den Sarazin-Vergleich nicht, den ich bzgl. Spitzer schon gelesen habe, aber bzgl. der Werbetrommel lief das ähnlich.

    Aber ich bezweifle, dass Du auch nur annähernd das gleiche für ein L3T-Projekt erreichen könntest, eben i.d.R. weil die provokanten Thesen nicht auf Widerstand treffen. Beim Lesen von Joachims Kommentar dachte ich nur: Man könnte einzig mit einer Presseerklärung „Wir sind keine Verbrecher“ provozieren, oder extremer damit, diese Forschungsrichtung aufgeben zu wollen. „L3T vom Netzt, Gehirnschädigung soll nicht unterstützt werden“ oder so. Das würde Dir eventuell ähnliche Aufmerksamkeit bescheren, aber ich glaube nicht, dass Du das (auf diese Weise) willst…

  7. Martin sagt:

    @Michael: über E-Learning schreibt er auch ein Kapitel – dass er keine Studien kennt, wo man sieht dass es was bringt

    @Peter: nun die Gehirnforschung ist schon auch anderer Meinung, aber im wesentlichen forschen die ja ob es auf einen Reiz im Gehirn eine (vielleicht auch langfristige) Reaktion gibt – aus unserer Sicht ist das eigentlich zu banal, da Lehren und Lernen ein wesentlich komplexerer Vorgang ist

    @Anja: „L3T vom Netz“ wird wohl die Gesellschaft wenig berühren oder deswegen würde sich der Buchverkauf nicht erhöhen – außer das Ministerium verbietet es 🙂 …

  8. Thomas Richter sagt:

    Ich persönlich habe mehr Achtung vor Martin Ebner als vor Manfred Spitzer. 🙂

  9. Anja Lorenz sagt:

    @mebner wenn Spitzer recht hätte (Konjunktiv), wäre ein Verbot von Lernen mit Medien die einzig richtige Konsequenz. Mich wundert es ja, dass nicht reihenweise Mediendidaktiker kündigen und sich bei der Gesellschaft entschuldigen.

    Oder eindämmen: „Don’t learn digitally and drive“ oder so.

    (Zur Sicherheit: Das [Ironie]-Schild.)

  10. Martin sagt:

    @anja – naja die kündigungsfrist sind ja bekanntlich 3 monate, schauen wir was passiert 🙂

  11. Habe einmal einige TV-Auftritte von Herrn Spitzer zur Digitalen Demenz zusammengestellt und finde die Diskussion schon sehr interessant. Bin auf die weiteren Äusserungen gespannt.

    https://www.wissenschafftwerte.ch/blog/digitale-demenz-manfred-spitzer-oder-wie-wir-eine-diskussion-anschieben-koennen/

  12. Martin sagt:

    @Torsten: Danke :-), wenn man nach dem Lesen noch nicht genug hat (ich habe einen Talk gesehen und da waren die gleichen Argumente wie im Buch)

  13. Gralki sagt:

    Ich hab das Video gesehen. Spitzer ist sympathisch und ich teile weitgehend seine Meinung – wenn er doch nur andere ausreden lassen würde.
    Zum Thema E-learning sagt er wenig bis gar nichts und das ist schade. Dabei wäre es so nötig, die E-Learning Diskussion nicht nur von Anhängern dieses Lernmodells führen zu lassen.
    Aus meiner Perspektive ist E-Learning das Ende der Didaktik als Sonderform einere sozialen Beziehung, die vor langer Zeit mal als „Meister-Schüler“ Beziehung begonnen hat.
    Alles was didaktisches Können eines Dozenten ausmacht, sucht man beim E-Learning m.E. vergebens.
    Lernen im didaktischen Sinn, wird mit Informationsvermittlung verwechselt und das Agieren in einem Blog oder Wiki als soziale Interaktion.
    Und schließlich meine Frage: gibt es eigentlich eine vergleichende Untersuchung über einen gängigen akademischen Inhalt (z.B. Statistik), in der die klasssische Version einer E-Learning Version gegenübergestellt wurde?
    Meine These: die klassische Form wäre überzeugender und erfolgreicher.

  14. Martin sagt:

    lieber Hr. Gralki,

    um es vielleicht einmal ganz deutlich darzustellen – eine Ausbildung „Meister – Schüler“ wird niemals (also wirklich niemals) durch E-Learning ersetzbar sein, das war nie unser Ziel –
    wir versuchen Mehrwerte durch neue Medien zu schaffen, nicht mehr und auch nicht weniger 🙂

  15. Miriam sagt:

    Es ist doch einfach, mit Polemik und Provokation Aufmerksamkeit zu erringen. Was ist daran bewundernswert? Gibt es nicht schon viel zu viele solcher Marketing-Aktionen die unsere Aufmerksamkeit schon viel zu sehr auf sich ziehen? So geht viel Energie verloren. Mir ist das einfach viel zu viel Lärm um nichts.

  16. Martin sagt:

    @Miriam – hm, wie soll ich sagen, ich für mich nehme mit, wie man popularwissenschaftliche Texte zu Bestsellern machen kann …

  17. Peter Westebbe sagt:

    Es gibt unter deutschen Professoren eine verbreitete Arroganz des Nichtwissens. Es muss herrlich sein, ohne tiefere Kenntnis sich über ein Thema auszulassen von dem man zwar nichts versteht, aber darum umso mehr die eigene Meinung zur absoluten Wahrheit zu stilisieren kann.
    Allein der Begriff Demenz, immerhin eine doch relativ klar definierte psychiatrische Diagnose wird hier als angsterzeugendes Symbol verwendet. Von einem Hirnforscher würde man mehr erwarten. So ist das alles eigentlich nur dummes Zeug.
    Es ist merkwürdig, wie sich Geschichte wiederholt. Schon Plato sah in der Schrift den Untergang der Philosophie und des Denkens. Nun möchte ich wirklich nicht Herrn Spitzer mit Plato vergleichen, nur in ihrer Angst vor dem Neuen sind sie sich ähnlich.
    Herr Spitzer bietet, und das macht wahrscheinlich den Erfolg des Buches aus, eher einfache Lösungen für sehr komplexe Probleme an, indem er den Computer, für ihn wohl hauptsächlich nutzlose oder gar für das Gemüt hochgefâhrliche Spiele, für die komplexen und oft nicht durchschaubaren gesellschaftlichen Entwicklungen verantwortlich macht.
    Was mir aber am meisten zu schaffen macht, ist meine Vermutung, dass Herr Spitzer sehr genau weiß, dass sein Buch zu großen Teilen schlicht Unsinn enthält. Aber es ist die Art von Unsinn, die sich medial hervorragend vermarkten läßt und ihm wieder viel Aufmerksamkeit beschert.

  18. Du musst negativ über die Welt schreiben – und alles ins Negative ziehen, denn dann kommen die Kunden. Es scheint so, als würde der Mensch negative Inhalte verschlingen und positive ignorieren – schau in die Zeitung, dann siehst du es.

    Das mit Internet & digitale Medien & Verblöden ist ja ein alter Hut. Die Diskussion gab es auch schon, als die Schrift erfunden wurde – und sich demnach Menschen nichts mehr merken mussten, da sie sich ja alles aufschreiben konnten…

    lG
    Alex

  19. Miriam sagt:

    Meine Güte, so eine Lawine, die dieses Werk auslöst! Ich finde, dass Martin Lindner eine ganz gute Replik zu Spitzers „Demenz“ geschrieben hat. Und meine Frage bleibt: Soll man bewundern, dass sogar äusserst unstrittene Inhalte mit sozialen Medien beworben und verbreitet Erfolg hat/haben? Sind wir nicht da mal endlich einen Schritt weiter? Und es gilt auch hier: Qualität ist Kriterium?
    Ich verstehe, Martin, du meinst etwas anderes. Ich sehe mich einfach an die Frage erinnert, warum Polemiker – oder noch schlimmer: Fanatiker – immer eine Plattform – nicht nur im Netz! nein, auch in all den alten. traditionellen Medien, wie Presse oder TV – kriegen, und ob es vielleicht nicht besser wäre, man würde sie ignorieren? So gesehen bei rechtspopulistischen Politikern in der Schweiz… Aber auch die Geschichte lehrt uns eines Besseren! Ich meine, dass Spitzer irgendwo Politik macht – und nicht Wissenschaft. So wie seine Maschinerie funktioniert, meine ich. Gerne betone ich, dass dies meine eigene Meinung ist. Ih sehe das aber eher in Ricchtung @Westebbe, da ich echt nicht ganz verstehe, warum Spitzer all diese Aufmerksamkeit zuteil wird.
    Martin Lindner: https://carta.info/47569/zwischenbilanz-zu-spitzers-digitaledemenz/
    Gruss, Miriam

  20. Martin sagt:

    Miriam – denke Alexanders Kommentar trifft es wohl am besten – also leider, so ist es wohl 🙁

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